Wundermittel gegen Übergewicht – gibt es sie?

Werbespots, Diätempfehlungen, Plakate und bezahlte Anzeigen für Wundermittelchen gegen Übergewicht und Alterserscheinungen sind allgegenwärtig. Mittransportiert werden extreme Schlankheitsnormen, oft krankmachende Schönheits- und Frauenbilder. Stetig sind neue „Lösungsangebote“ von Lebensmittel-, Diät- und Pharmaindustrie zu finden, aber auch die Kosmetikindustrie und die sogenannte Schönheitschirurgie kann dadurch ihre Gewinne steigern. (vgl. Wiener Programm für Frauengesundheit, 2015)

Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass 80 – 90 % der Mädchen und Frauen mit ihrem Körper unzufrieden sind, obwohl sie meist normalgewichtig sind. (vgl. Wiener Programm für Frauengesundheit, 2015)
Manche Frauen sehen Diäten als eine „Lösung“ für ihr Gewichts“problem“ und ihre hohe Körperunzufriedenheit. Diäten führen oft nur zu einer kurzfristigen Gewichtsabnahme, da nach der Diät der Jo-Jo-Effekt einsetzt. Das heißt, dass sich der Körper an die reduzierte Kalorienanzahl gewöhnt hat und gelernt hat damit umzugehen. Wenn dann wieder normal (wie vor der Diät) gegessen wird, kommt es automatisch zu einer Gewichtszunahme.
Herr Peters beschreibt in seinem Buch „Mythos Übergewicht“ mögliche Risiken und Nebenwirkungen von Diäten:

  • Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit
  • Erhöhtes Risiko von Depressionen
  • Beschleunigter Alterungsprozess des Hautgewebes
  • Muskelschwund, Muskelschwäche
  • Knochenabbau
  • Libidoverlust, Ausbleiben der Monatsblutungen
  • Leistungsabbau des Gehirns: Gedächtnisschwäche, Schwindel, Müdigkeit
  • Heißhungerattacken
  • Erhöhung des Cortisol – Werts (Stresshormon) im Körper
  • Erhöhte Neigung zum Gebrauch von Nikotin, Alkohol oder Drogen
  • Jo-Jo-Effekt

(vgl. Peters A., 2013)

Andere Menschen greifen, um ihr Gewicht zu beeinflussen, zu diversen Mitteln:

  • Abführmittel:

Diese haben absolut keine Auswirkung auf das tatsächliche Körpergewicht, denn der Wirkungsbereich der Abführmittel ist im Dickdarm. Die Nährstoffaufnahme aus den kalorienliefernden Nahrungsbestandteilen erfolgt aber schon davor, im Dünndarm. Das Einzige was ein Abführmittel beeinflusst, ist der Wasseranteil vom Körper. Das heißt, die Waage zeigt kurzfristig weniger Kilogramm durch den Flüssigkeitsverlust an. Dieser Gewichtsverlust wird bei der nächsten Flüssigkeitszufuhr wieder aufgefüllt. Durch den Flüssigkeitsverlust kann es zu einer Unterversorgung des Körpers mit Kalium und / oder anderen Elektrolyten (z. B. Kalzium, Magnesium und Natrium) kommen, da zu viele Mineralstoffe gemeinsam mit dem Wasser ausgeschieden werden. Bei einer Unterversorgung kann es bis zu einer Funktionsstörung von Organen kommen oder eine Muskelschwäche zur Folge haben.
Eine längere Einnahme von Abführmitteln kann eine Darmträgheit hervorrufen. (vgl. Mörixbauer et al., 2013). Der Nahrungsbrei ist durch Wasserentzug stark eingedickt und der Stuhl wird hart. Wird die Darmentleerung schwierig oder selten, kann es zu einem Völle- oder Druckgefühl im Unterbauch kommen. Es können Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen oder plötzliche Durchfälle mit Bauchkrämpfen auftreten. (vgl. Österreichisches Gesundheitsportal, o.J.)

  • Entwässernde Mittel

Entwässernde Mittel (Diuretika) sind zum Abnehmen untauglich und können die Gesundheit gefährden. Diuretika regen die Nierentätigkeit an, dadurch verliert der Körper Wasser, aber kein Gramm Fett. Bei Daueranwendung kann ein Kaliummangel zu Herz – Rhythmus – Störungen führen. Außerdem erhöht sich das Risiko von Blutgerinnseln und es kann zu einer Einschränkung der Gehirnleistung kommen. (vgl. Lehner, 2013)

  • Medikamente zur Gewichtsreduktion

In Österreich sind einzig Medikamente mit dem Wirkstoff Orlistat zugelassen. Diese sollen laut der Österreichischen Adipositasgesellschaft und den Europäischen Leitlinien für die Behandlung von Adipositas nur angewendet werden, wenn andere Behandlungsmethoden keinen Erfolg zeigten. Außerdem kommen sie für Menschen mit einem BMI (Body-Mass-Index) ab 30 oder einem BMI knapp darunter in Frage, wenn diese Menschen zusätzliche gesundheitliche Belastungen haben.

Die Medikamente mit dem Wirkstoff Orlistat bekommt man in der Apotheke, je nachdem wie viel Orlistat enthalten ist, rezeptfrei oder nur nach ärztlicher Verschreibung.
Orlistat bindet ein Viertel des konsumierten Fettes im Darm, welches dadurEine Frau hat eine Gabel in der Hand auf der statt Essen eine Tablette liegt ch wieder unverdaut ausgeschieden wird. Die Gewichtsabnahme beträgt ungefähr 60 bis 70 Gramm pro Woche; auf ein Jahr gerechnet ergibt dies 3,5 Kilogramm.
Nebenwirkungen, welche Orlistat verursachen kann:
•    Blähungen mit und ohne öligem Austritt
•    plötzlicher oder vermehrter Stuhldrang
•    weicher oder sogar durchfallartiger Stuhlgang
•    allergische Reaktionen

Diese Nebenwirkungen sind auf den Beipackzetteln der Medikamente mit dem Wirkstoff Orlistat zu finden. Wenn Sie sich entscheiden, eines der Medikamente mit dem Wirkstoff Orlistat einzunehmen, sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber und denken Sie in Ruhe über die Vor- und Nachteile nach.

  • Nahrungsergänzungsmittel oder auch Fatburner

Die meisten Schlankheitsmittel auf dem Markt sind Nahrungsergänzungsmittel, diese werden im Gegensatz zu Medikamenten, nicht geprüft, bevor sie im Handel erhältlich sind. (vgl. Lehner, 2005) In Österreich ist das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) / AGES für die Arzneimittelprüfungen zuständig, für EU-weite Zulassungen die European Medicines Agency (EMA).
Nahrungsergänzungsmittel und sogenannte Fatburner lassen Ihr Fett nicht einfach dahin schmelzen! Auch wenn diverse Vertreiberinnen und Vertreiber genau dies versprechen, machen diese nur Ihre Brieftasche dünner.
(vgl. Mörixbauer et al., 2013)

  • hCG-Hormon

Das hCG-Hormon kommt in natürlicher Form bei einer Schwangerschaft vor. Zur Gewichtsabnahme wird dieses Hormon täglich über einen Zeitraum von 3 bis 6 Wochen gespritzt (die Injektionen können nach einer Einschulung selber verabreicht werden). Jedoch gibt es für die Wirksamkeit keine wissenschaftlichen Beweise oder Nachweise.
(vgl. Matuschak et al., 2014)

  • Formulardiäten

Eine oder mehrere Mahlzeiten am Tag sollen durch Drinks oder Suppen, angerührt aus Nährstoffpulver, ersetzt werden.
Öko Test hat 2016 die verschiedensten Pulverdiäten getestet. Hier finden Sie die Ergebnisse:
Zum Link (http://media.arbeiterkammer.at/ooe/KI_2016_T_DiaetShakes.pdf)

Fazit: „Während die Frauen immer dünner, unzufriedener und eingeengter leben, wird die Schönheitsindustrie immer dicker und reicher! Es gibt kein Wundermittel gegen Übergewicht!“

Wege aus dem Diätkreislauf:

Anti-Diät-Ansatz

Der Anti-Diät Ansatz basiert auf den Arbeiten der britischen Psychoanalytikerin, Feministin und Journalistin Susi Orbach.  Sie nennt als Voraussetzungen für den Anti-Diät-Ansatz:

  • Ich höre mit dem Diäthalten auf.
  • Ich lasse meine Diätgeschichten Revue passieren.
  • Ich erkenne, dass Diäten wirkungslos sind.
  • Ich erkenne, dass Diäten das zwanghafte Verhalten noch verstärken.
  • Ich identifiziere meinen Hunger: Wann habe ich Hunger? Worauf richtet er sich?
  • Es gibt keine verbotenen Lebensmittel mehr.
  • Ich esse alles langsam, ich schmecke alles und genieße es.
  • Ich habe ein Recht auf Essen.
  • Ich überwinde meine Scham und esse auch in der Öffentlichkeit.
  • Ich gewinne Selbstvertrauen durch genaues Achten auf und Befriedigen von Hungergefühlen, auch mein Nachholbedarf muss befriedigt werden.
  • Ich achte darauf, dass die Nahrungsmittel, die ich will, immer und ausreichend vorhanden sind, dann kann ich auch aufhören, wenn ich satt bin.
  • Ich bin zufrieden mit kleinen Schritten, Rückfälle und Essdurchbrüche analysiere ich und lerne daraus.
  • Ich entwickle ein entspanntes Verhältnis zum Essen, werde mir jedoch trotzdem über  meine Motivation zum Essen klar und beobachte auch, meine Art des Essens.
  • Ich beobachte meine Essensmuster, die Umstände und Gefühle, die ich beim Essen habe in allen Einzelheiten.
  • Ich durchbreche meine Fressanfälle (bei Bulimie oder Binge Eating), denn sie hören nicht automatisch damit auf, dass ich mit meinem Diätverhalten aufhöre.
  • Ich gewöhne mich an neue Mengen. Dies ist besonders wichtig, wenn ich nicht aus Hunger gegessen habe.
  • Ich lasse Essen übrig. Ich prüfe die Fragen, woher meine Schuldgefühle dabei kommen. Welche tiefsitzenden Verhaltensmuster aus meiner Kindheit machen es mir schwer? Was passiert, wenn ich Essen übrig lasse, wer ist oder war gekränkt?
  • Ich esse nicht, wenn ich keinen Hunger habe.
    (vgl. Orbach, 2005 und 2003)

Ernährungsumstellung

Wer abnehmen will, muss essen lernen!

Eine dauerhafte Ernährungsumstellung mit Blick auf Ausgewogenheit und einer dem Individuum angepassten Kalorienanzahl und regelmäßiger Bewegung, können eine dauerhafte Reduktion des Körpergewichts bewirken. Um den Jo-Jo-Effekt zu umgehen, muss täglich zumindest die Menge / Energie des Grundumsatzes zugeführt werden.

Unter Grundumsatz versteht man die Energie, die ein Körper pro Tag ohne körperliche Anstrengung, bei völliger Ruhe, benötigt.

Beispiel für die Berechnung des Grundumsatzes:
1 Kilokalorien pro kg Körpergewicht pro Stunde. Beispiel: Eine Frau mit 60 Kilogramm, sitzende Tätigkeit, wenig Bewegung muss mindestens 1.440 Kilokalorien am Tag zu sich nehmen (60 x 24 = 1.440).

Weitere Tipps für die langsame Ernährungsumstellung:
Nie mehr als ein halbes bis einen Kilogramm pro Woche abnehmen!
Keine Nahrungsmittel sind verboten.
Ernährungsfehler sollen umgelernt werden.
Mehr Bewegung in den Alltag einbauen.
(vgl. Lehner, 2013)

Sie können sich kostenfrei von Diätologinnen und Diätologen der Gebietskrankenkassen beraten lassen.
Ernährungsberatung der Kärntner GKK, Beratung mit Kompetenz
(vgl. Ernährungsberatung der KGKK, o.J.)

Buch- und Linktipps:

Frauengesundheitszentrum Kärnten (2010) Handbuch Essstörungen: Hilfe für Angehörige, LehrerInnen und pädagogische Fachkräfte. Villach.

Frauengesundheitszentrum Kärnten (2012) Essstörungen, /was-frauen-betrifft/essstoerungen/
[Zugriffsdatum: 08.08.2016]

Frauengesundheitszentrum Kärnten (2011) Die Ernährungspyramide zum Mitmachen! /was-frauen-betrifft/wissensspiele-wie-gut-kennen-sie-sich-aus/
[Zugriffsdatum: 08.08.2016]

Frauengesundheitszentrum Kärnten (2014) Onlinespiel „Ganz schön krank“, /was-frauen-betrifft/wissensspiele-wie-gut-kennen-sie-sich-aus/
[Zugriffsdatum: 08.08.2016]

Fonds Gesundes Österreich (2013) Bewegung. Gesundheit für alle! Himberg.

Haarhaus D. (2008) Lexikon der Beauty-Irrtümer. Hamburg.

Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (o.J.) Was ist Adipositas?, http://www.ifb-adipositas.de/adipositas/was-ist-adipositas
[Zugriffsdatum: 13.03.2017]

Jäger N. (2016) Die Fettlöserin. München.

Regnat K., Kerschner B, Wipplinger J., Stigler F. (2014) Abnehmen mit dem Pflanzenpräparat Exadipin? http://www.medizin-transparent.at/salacia-reticulata-abnehmen
[Zugriffsdatum: 28.09.2016]

Verein für Konsumenteninformation (2016) 100 Ernährungs-Mythen. Wolkersdorf.

Wipplinger J. (2016) Abnehmen mit Almased? http://www.medizin-transparent.at/abnehmen-mit-almased
[Zugriffsdatum: 28.09.2016]

Quellenangaben:

Ernährungsberatung der KGKK (o.J.) Ernährungsberatung in der Kärntner GKK: Beratung mit Kompetenz
http://www.kgkk.at/portal27/kgkkportal/content/contentWindow?contentid=10007.698753&action=2&viewmode=content [Zugriffsdatum: 22.09.2016]

Lehner P., Dornetshuber R. (2013) „Wundermittel gegen Übergewicht“ Das Geschäft mit den überflüssigen Kilos. Arbeiterkammer Wien. Wien.

Matuschak B., Kerschner B., Wipplinger J. (2014) 100 Medizin-Mythen. Verein für Konsumenteninformation. Wien.

Mörixbauer A., Groll M. (2013) Die 50 grössten Diät-Lügen. St. Stefan.

Peters A. (2013) Mythos Übergewicht. München.

Orbach S. (2005) Anti Diät Buch. München.

Orbach S. (2003) Anti Diät Buch II. München.

Österreichisches Gesundheitsportal (o.J.) Verstopfung: Nicht zu lange warten! http://gesund.co.at/verstopfung-nicht-lange-warten-11785/ [Zugriffsdatum: 14.11.2016]

Öko-Test (2016) Keinen Schuss Pulver wert. http://media.arbeiterkammer.at/ooe/KI_2016_T_DiaetShakes.pdf [Zugriffsdatum: 22.09.2016]

Wiener Programm für Frauengesundheit (2015) Adipositas und Essstörungen im Brennpunkt. http://www.frauengesundheit-wien.at/downloads/broschueren/Empfehlungen_Adipositas_Essstoerungen_Jugendliche_final.pdf [Zugriffsdatum: 08.08.2016]

Bildquellen:
Hungrig-Satt© Thomas Reimer _ Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/116164026 – leicht abgeändert)
Tablette © Kzenon _ Depositphotos.com (http://de.depositphotos.com/5052293/stock-photo-woman-eating-nutritional.html)

Lektorat: Mag.a Regina Steinhauser, Psychologische Pädagogin, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrum Kärnten

Autorin: Mag.a (FH) Katharina Till, Gesundheits- und Pflegemanagerin, Veranstaltungskoordinatorin im Frauengesundheitszentrum Kärnten