Work-Life-Balance

Ein Schlagwort, welches mit den speziellen Anforderungen der modernen Arbeitswelt oft in einem Zug genannt wird, ist die Work-Life-Balance. Übersetzt steht sie für einen Zustand, in dem Arbeits- und Privatleben miteinander im Einklang sind.

Das kann schon mal schwierig werden, da die Liste der Einflussfaktoren lang ist:

  • Beanspruchung durch den Beruf
  • Anerkennung und Wertschätzung, die dadurch erfahren wird
  • Weiterentwicklungsmöglichkeiten, die Ansporn geben
  • Persönliche Sinn- und Wertefragen
  • Das private und berufliche Sozialumfeld
  • Der eigene Körper und die Gesundheit
  • Zusätzliche familiäre Beanspruchungen durch Kinder oder pflegebedürftige Angehörige
  • Und vieles mehr…

Diese Aufzählung lässt es bereits vermuten: DIE Work-Life-Balance gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich dabei um eine vielschichtige Angelegenheit, die so individuell ist wie der Mensch selbst.

Eine allgemeine Aussage kann aber getätigt werden: oftmals bedeutet Work-Life-Balance für Frauen etwas anderes als für Männer. So zeigen Studien des Europäischen Institutes für Gleichstellungsfragen aus dem Jahr 2011, dass die Arbeitsverteilung zwischen dem weiblichen und männlichen Teil der Bevölkerung nach wie vor ungleich ist. Die Forschungsergebnisse belegen, dass Frauen in den meisten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union immer noch die Hauptlast bei der Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen tragen. Frauen im berufsfähigen Alter verbringen im Durchschnitt drei Mal so viel Zeit mit Kinderbetreuung wie Männer. Ist eine Frau in einem Vollzeit-Arbeitsverhältnis und nimmt zusätzliche Betreuungsaufgaben wahr, so arbeitet sie wesentlich mehr Stunden als ihre männlichen Kollegen. Arbeitet sie Teilzeit und möchte eigentlich wieder auf Vollzeit wechseln, so ist dies oft mit den Betreuungsaufgaben schwer zu vereinen. Aus diesen Beispielen geht hervor, dass es hauptsächlich Frauen sind, die den schwierigen Spagat zwischen Familien- und Berufsleben bewältigen müssen.

Aber auch Frauen ohne familiäre Betreuungspflichten sind in ihrem Leben mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert, die zwar bunt und vielfältig wirken mögen, aber auch belastend sein können. So geraten viele in Konflikte, weil sie neben ihrer Berufstätigkeit verschiedene Rollen ausfüllen (z.B. die der Tochter, ehrenamtlichen Helferin, Vereinsmitglied, Fortbildungsteilnehmerin, Haustierhalterin und ähnliches mehr). Die Vereinbarkeit von Beruf und all diesen anderen Rollen kann schwierig und anstrengend werden. Zudem werden bei steigenden Anforderungen genau jene Aktivitäten meist zuerst gekürzt, in denen Frauen Ausgleich finden und Kraft tanken könnten.

Allzu leicht kann es so passieren, dass die Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht gerät, man sich gestresst, überfordert, unwohl oder gar krank fühlt.

Work-Life-Balance_Orientierungsschilder mit der Aufschrift Familie, Beruf, Vereinbarkeit

Was kann ich tun?

Auch kleine Schritte führen zum Ziel …

Die gute Nachricht bei einer nicht zufriedenstellenden Work-Life-Balance ist jene, dass Sie selbst Einflussmöglichkeiten haben, um diese wieder ein Stück mehr ins Gleichgewicht zu bringen. Und zwar nicht, indem Sie Ihr Leben völlig verändern und keinen Stein auf dem anderen lassen, sondern durch kleine Veränderungen, die zu einer zufriedeneren und gesünderen Lebensgestaltung beitragen können.

Über eine Herausforderung werden Sie dabei vielleicht gleich anfangs stolpern. Es hat sich nämlich heimlich, aber dafür nachhaltig in das Denken von vielen Frauen eingeschlichen: wir müssen alles können, alles machen, überall dabei sein, immer erreichbar sein. Vielen Frauen ist dieser Perfektionismus in Fleisch und Blut übergegangen. Versucht man ihn abzulegen, treten oft unvermutete Ängste (z.B. dann werde ich nicht mehr respektiert, dann ist jemand böse auf mich, dann verliere ich meinen Arbeitsplatz…) auf und blockieren eine Veränderung.

Hier kann es in einem ersten Schritt schon hilfreich sein, diese Glaubenssätze zu erkennen. Scheuen Sie sich nicht, einen kritischen Blick auf Ihre Denkmuster und Ängste zu werfen, um die „inneren Antreiber“ dahinter näher zu beleuchten. Schreiben Sie auf, welche Sie in sich finden und welche Botschaft sie haben. Der Antreiber: „Sei stark!“ könnte sich z. B. in Ihnen so anhören: „Beiß die Zähne zusammen!“. Der Antreiber: „Mach es allen recht!“ könnte für Sie klingen wie: „Sei immer liebenswürdig!“. Die inneren Antreiber entwickeln wir in unserer Kindheit. Sie können durchaus hilfreich sein. Übertreiben sie es aber, können sie Stress verursachen und unglücklich machen. Deshalb ist es hilfreich sich die Fragen zu stellen: Ist dieser Antreiber heute in meinem Leben noch nützlich für mich und wenn ja in welchem Ausmaß? So erkennen Sie, wo Sie mit Veränderungen beginnen können.

Stellen Sie Arbeit und Freizeit auf den Prüfstand

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verbesserung der Work-Life-Balance ist zu erkennen, was einen fördert und was hemmt. Hinterfragen Sie kritisch:

  • Was macht mir an meiner Arbeit Spaß, was nicht?
  • Worin bin ich im Job richtig gut, was liegt mir weniger?
  • Nach welcher Tätigkeit/welchem Erlebnis in meiner Arbeit ist meinen Angehörigen oder Freunden zuletzt aufgefallen, dass es mir besonders gut ging?
  • Wann habe ich mich in meiner Freizeit zuletzt so richtig wohl gefühlt? Wie ist mir das gelungen?
  • Welche Erlebnisse möchte ich in meiner Freizeit unbedingt haben, welche weniger und welche überhaupt nicht?

Natürlich stellen diese Fragen nur eine Anregung dar und können nach Herzenslust ergänzt werden. Es empfiehlt sich, verschiedene Lebensbereiche zu beleuchten wie Bewegung, Hobbys, Freundschaften, Familie, Ernährung und vieles mehr. Ziel ist es herauszufinden, was Ihnen eigentlich gut tut. Das mag zwar einfach klingen, gerät aber im Alltag oft in Vergessenheit. Haben Sie sich Ihre persönlichen Glücksbringer wieder bewusst gemacht, können Sie überprüfen, ob Sie selbst Einfluss nehmen können, im Sinne von mehr von den positiven Dingen und weniger von den negativen. Planen Sie für die positiven, fördernden Unternehmungen eine entsprechende Zeit fix in Ihrem Kalender ein und halten Sie sich daran, so wie sie auch jeden anderen Termin einhalten würden. Es lohnt sich hier, auch in hektischen Zeiten dran zu bleiben und sich so selbst immer wieder etwas Gutes zu tun.

Wer tut mir gut?

Auch Menschen können „Kraftspender“ sein. Sie schenken uns positive Gefühle auf vielfältige Art. Andere wiederum fallen eher in die Kategorie „Energieräuber“ und hinterlassen Leere, Müdigkeit oder gar ein unbestimmtes Aggressionsgefühl. Überprüfen Sie die Menschen in Ihrem Leben auf diese beiden Kategorien und versuchen Sie, Ihre Zeit und Aufmerksamkeit entsprechend zu verteilen.

Gemeinsam sind Sie stark – die Vorteile von Netzwerken

Viele Frauen versuchen einen fordernden Alltag zu bewältigen–ohne Hilfe von anderen. Es kann aber sehr nützlich sein, sich gegenseitig zu unterstützen.

Überlegen Sie daher:

  • Gibt es andere Menschen in Ihrem Umfeld, die vor vergleichbaren Problemen stehen? Wie gehen diese damit um? Gibt es Möglichkeiten, wie Sie sich austauschen oder gar zusammentun könnten?
  • Gibt es Menschen in Ihrer Umgebung, an die Sie als Lösung Ihrer Schwierigkeiten noch gar nicht gedacht haben?

Beispiel:
Die nette, ältere Nachbarin, die immer so freundlich zu Ihren Kindern ist, aber sehr einsam wirkt. Oder die junge Studentin, die händeringend nach einem kleinen Zusatzverdienst Ausschau hält. Vielleicht könnte die Nachbarin an zwei Nachmittagen pro Woche Ihre Kinder von der Schule abholen oder die Studentin einige Stunden lang Ihrer Mutter Gesellschaft leisten? Oft ist es so, dass man derartige Hilfestellungen auch nicht unbedingt in bar entlohnen muss, sondern sich auf eine Art Tauschgeschäft einigen kann. Suchen Sie das Gespräch und entdecken Sie innovative Lösungen!

Scheuen Sie nicht davor zurück, sich Hilfe zu suchen

Wenn Sie sich stark überlastet fühlen, können Sie sich durch professionelle Hilfe unterstützen lassen. Frauen- und Familienberatungsstellen, Frauengesundheitszentren oder auch ÄrztInnen Ihres Vertrauens bieten dazu entweder kostenlose Beratungen an oder helfen Ihnen bei der Suche nach einer geeigneten Anlaufstelle.

Entspannungsübungen für Körper, Geist und Seele

Es gibt eine Vielzahl von Entspannungsübungen, die sich zur Stressbewältigung bewährt haben. Hierzu zählen z.B. Atemübungen, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Qigong, verschiedene Formen von Meditation und ähnliche mehr. Die Buch- und Linktipps am Ende dieses Textes können Ihnen hierzu eine Anregung liefern. Probieren Sie einfach aus, was Ihnen gut tut und wirklich Spaß macht.

Eine Atemübung als Beispiel:

  1. Setzen Sie sich auf einen gemütlichen Stuhl und sorgen Sie für ein paar ungestörte Minuten.
  2. Legen Sie Ihre Hände bequem auf Ihre Oberschenkel oder die Armlehnen und schließen Sie die Augen.
  3. Versuchen Sie, sämtliche Gedanken zurück zu lassen. Kommen doch welche, lassen Sie diese wie Wolken weiter ziehen.
  4. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung. Atmen Sie bewusst durch die Nase ein und lassen die Luft bis in den Bauch fließen. Spüren Sie dem Weg der Atemluft nach und konzentrieren Sie sich auf Ihre Empfindungen.
  5. Atmen Sie langsam aus und verfolgen Sie auch hier bewusst, was in Ihrem Körper passiert – wie die Luft aus dem Körper streicht, sich das Zwerchfell entspannt und der Bauch wieder zurück geht, wenn die Luft komplett aus dem Körper weicht.
  6. Wiederholen Sie dieses bewusste Ein- und Ausatmen immer wieder in Ihrem eigenen Tempo und lenken Sie Ihre Konzentration stets auf den Weg der Atmung. Es wäre gut, wenn Sie diese Übung für 10 bis 15 Minuten wiederholen könnten.
  7. Zum Abschluss beginnen Sie, Arme und Beine wieder zu bewegen, zu schütteln und zu strecken. Öffnen Sie die Augen und kommen Sie wieder ganz ins Hier und Jetzt zurück.

Und welche Möglichkeiten gibt es an meiner Arbeitsstelle?

Auch ArbeitgeberInnen können durch kleine Veränderungen wesentlich zur Verbesserung der Work-Life-Balance der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beitragen. Falls an Ihrem Arbeitsplatz noch keine Maßnahmen zur Gesundheitsförderung stattfinden, sprechen Sie doch einmal mit KollegInnen darüber. Vielleicht finden sich noch andere im Unternehmen, die am Arbeitsplatz auch etwas für die Gesundheit tun möchten. Gemeinsam können Sie den Vorgesetzten möglicherweise leichter Vorschläge für Gesundheitsmaßnahmen unterbreiten. Wenn vorhanden, können Sie Kontakt zu den BetriebsrätInnen aufnehmen und Ihren Wunsch nach gesundheitsförderlichen Maßnahmen dort vorstellen. Eventuell entscheidet sich die Unternehmensleitung dann sogar für ein Projekt der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF).

Die BGF hat es sich zum Ziel gesetzt, Unternehmen dabei zu unterstützen, die Gesundheit und das Wohlbefinden von MitarbeiterInnen zu fördern. Konkrete Umsetzungsschritte und Ziele werden auf den jeweiligen Betrieb angepasst – so können z.B. auch einzelne Zielgruppen wie Frauen oder ältere ArbeitnehmerInnen speziell berücksichtigt werden. Das Unternehmen und die MitarbeiterInnen sollen davon gleichermaßen profitieren. Weitere Informationen dazu finden Sie in den Linktipps am Ende dieses Textes.

Buch- und Linktipps:

Reisen in die Innenwelt: Systemische Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen, Tom Holmes, Kösel Verlag, München, 2013

Lebe wild und unersättlich, 10 Freiheiten für Frauen, die mehr vom Leben wollen, Sabine Asgodom, Kösel-Verlag, München, 2007

Hört auf zu arbeiten! Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt, Anja Förster, Peter Kreuz, Pantheon Verlag, München, 2013

Das Geheimnis starker Menschen, Monika Gruhl, Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau, 2011
10 Gebote für gelassene Frauen, Ursula Nuber, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 2005

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe, Antreibertest
http://www.dbfk.de/download/download/Vortraege/antreiber-test_download.pdf
Zugriff am 5. Februar 2015, 18:00

Kärntner Gebietskrankenkasse, Angebote für Betriebe
http://www.kgkk.at/portal27/portal/kgkkportal/content/contentWindow?contentid=10007.698994&action=2&viewmode=content
Zugriff am 16. Februar 2015, 14:26

Koordinationsstelle für das Österreichische Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung
http://www.netzwerk-bgf.at
Zugriff am 16. Februar 2015, 14:16

Quellenangaben:

Mein Weg in die Entspannung, Dr. Norman Schmid, Facultas / maudrich Verlag, Wien, 2013
30 Minuten Work-Life-Balance, Lothar Seiwert, GABAL Verlag; Offenbach, 2012

Statistik des European Institute for Gender Equality zur Arbeitsverteilung:
http://eige.europa.eu/content/document/report-review-of-the-implementation-of-the-bpfa-in-the-area-f-women-economy-reconciliation
Zugriff am 5. Februar 2015, 18:10

Was Frauen wirklich wollen – Artikel zu Vereinbarkeit von Beruf und Familie
http://derstandard.at/1363710274170/Was-Frauen-wirklich-wollen
Zugriff am 5. Februar, 18:13

Studie zu Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung – betriebliche Rahmenbedingungen aus Sicht berufstätiger Eltern
http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/Studie_Vereinbarkeit_Beruf_Familie_2014.pdf
Zugriff am 5. Februar, 18:15

Artikel zu psychischer Gesundheit und Beruf (inkl. Informationen zu BGF und Work-Life-Balance):
http://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/gesunde-lebenswelten-beruf-psyche-gesundheit.html
Zugriff am 5. Februar 2015, 18:22

Bildquellen:
Vereinbarkeit_Familie und Beruf: © L.Klauser – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/58228153)
An einem Strang ziehen: © ARochau – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/72092190)

Redaktion: Mag.a Regina Steinhauser, Pädagogin mit Schwerpunkt Berufs- und Betriebspädagogik in Kombination mit Bildungswissenschaftlicher Psychologie, Diplomierter Coach, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrum Kärnten
Autorin: Iris Malliga,
Dipl. Lebens- und Sozialberaterin, zertifiziert nach Zert.Nr.: ZA – LSB 164.0/ 2008