Essstörungen

Psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter

Essstörungen sind ernstzunehmende psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter (das Wort Psyche steht für die Seele und somatisch für den Körper). Das bedeutet, dass sich eine Erkrankung der Seele über den Körper ausdrückt. Dahinter stecken aber ganz andere tief sitzende Probleme. Essen oder Nicht-Essen kann dann zum Ersatz oder Ausweg werden.

Formen von Essstörungen, welche im ICD-10 (International Classification of Diseases, ist eine von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen, (vgl. Web4Health, 2011)) und DSM IV (Klassifikationssystem der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (vgl. Web4Health, 2011)) beschrieben werden, sind: Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Bulimie) und Binge Eating Disorder (Esssucht).

 

Eine Art Landkarte mit vielen Woertern zum Thema Essstoerungen

Allen Essstörungen ist gemeinsam, dass sie überwiegend bei Mädchen und Frauen auftreten. (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, 2010) 90 bis 97 % der von Essstörungen Betroffenen sind Mädchen und junge Frauen. (vgl. Lindblad et al., 2006). Da sich Frauen und Männer in ihrer Biologie, in ihren Rollen, in Risiken und Belastungen, Verarbeitungsformen unterscheiden, sind Frauen anders krank als Männer.

Essstörungen haben immer mehrere Ursachen, die Entstehung kann man mit einem Mosaik vergleichen. Damit frau an einer Essstörung erkrankt, müssen viele verschiedene Faktoren in einer bestimmten Zeit zusammenkommen: biologische, persönliche, familiäre und gesellschaftliche. (vgl Baeck, 2010) Notwendig sind daher frühzeitige, multiprofessionelle und geschlechtssensible Prävention und Behandlung, um Neuerkrankungen oder den Übergang zur dauerhaften Erkrankung (Chronifizierung) zu verhindern.

Die zwei größten Risikofaktoren für die Entstehung von Essstörungen sind die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Diätverhalten. (vgl. Seyfahrt, 2000) Laut einer Wiener Erhebung sind 90% der Mädchen und 80 % der erwachsenen Frauen mit ihren Körperproportionen unzufrieden. Von den befragten Mädchen haben 52% schon einmal eine Diät gemacht, ohne tatsächlich übergewichtig zu sein. (vgl. De Zwaan et al., 2000)

Anorexia Nervosa / Magersucht:

Der Beginn einer Magersucht ist meistens vor dem 25. Lebensjahr (vgl. Give, 2010), in den letzten Jahren gab es eine Verschiebung in jüngere Altersgruppen. Laut einer Deutschen Publikation erkranken 70 Prozent der betroffenen Mädchen in der Altersspanne von 11 bis 20 Jahren. Ungefähr eine von 100 weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen leiden im Alter von 15 bis 20 Jahren an Magersucht. (vgl. Harland, 1996) Allerdings tritt Magersucht mittlerer weile auch häufiger bei Frauen zwischen 30 und 40 Jahren auf. (vgl. Seyfahrt, 2003)

Bildliche Darstellung einer Magersucht_Eine duenne Frau hat auf ihrem Teller und auf der Gabel nichts außer einem Stacheldraht

Mögliche Symptome:

  • Auffallender Gewichtsverlust
  • ohne körperliche Ursachen
  • Verleugnung der Krankheit
  • Verzerrte Körperwahrnehmung
  • Konzentrationsstörungen
  • Panische Angst vor Gewichtszunahme
  • Starke Einschränkung der Nahrungsaufnahme
  • Exzessives Sport treiben
  • Erhöhte Nervosität
  • Ungewöhnliches Kälteempfinden
  • Sozialer Rückzug und Zwänge
  • Selbstwertgefühl hängt von Gewicht und Figur ab
  • Aufgrund der hormonellen Störungen kommt es zum Ausbleiben der Regelblutung
  • Kreislaufprobleme und Mangelerscheinungen
  • Muskelschwäche
  • Haarausfall
  • Auftreten von flaumartiger Behaarung am ganzen Körper
  • Depressive Verstimmungen und starke Reizbarkeit
  • Schlafstörungen

(vgl. Gschwandner et al., 2002) und (vgl. Give, 2010)

Bulimia nervosa / Bulimie:

Bulimie sind Essanfälle, die von der Erkrankten rückgängig gemacht werden. Diese Erkrankung bleibt oft längere Zeit unerkannt, da sich das Gewicht der Betroffenen weniger markant verändert als bei Magersucht. (vgl. Gschwandner et al., 2002)
2 bis 4 Prozent der Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren leiden an Bulimie. Davon erkranken 60 Prozent zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. 20 Prozent sind jünger als 20 Jahre, 20 Prozent sind älter als 30 Jahre. (Harland, 1996)

Eine junge Frau sitzt vor einem vollem Kuehlschrank und isst gierig Schokocreme und Pizza gemeinsam

Mögliche Symptome:

  • Wiederholte Essanfälle mit hochkalorischen
  • Nahrungsmitteln, begleitet von Schuld- und Schamgefühl
  • Kontrollverlust während der Essanfälle
  • Übertriebende Beschäftigung mit Figur und Gewicht
  • Übermäßige Bewegung zur Gewichtskontrolle
  • Sozialer Rückzug
  • Angst vor Gewichtszunahme
  • Krankheitseinsicht
  • Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper
  • Geringer Selbstwert
  • Depressionen
  • Entgleisung des Elektrolythaushalts (es können Kalium- und Natriumverluste entstehen)
  • Herzrhythmusstörungen
  • Zahnprobleme
  • Verätzungen der Speiseröhre
  • Haarausfall
  • Geschwollene Lymphdrüsen

(vgl. Gschwandner et al., 2002) und (vgl. Give, 2010)

Binge Eating Disorder / Esssucht

„Binge“ bedeutet „schlingen“. Binge Eating Disorder sind Heißhungerattacken/Essanfälle ohne gewichtsregulierende Maßnahmen. Es dreht sich alles um Essen und um Nicht-Essen. (vgl. Give, 2010)

Untypisches Essverhalten_Eine junge Frau isst Spagetti und Schokolade gemeinsam

Mögliche Symptome:

  • Wiederholte Heißhungerattacken
  • Es wird schneller als sonst gegessen
  • Gegessen wird bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
  • Es werden große Nahrungsmengen ohne Hungergefühl gegessen
  • Aus Scham wird alleine gegessen
  • Schuld und Ekelgefühl
  • Die Anfälle treten an mindestens 2 Tagen pro Woche über einen Zeitraum von 6 Monaten auf

(vgl. Gschwandner et al., 2002 und vgl. Give, 2010)

Wie kann ich anderen helfen?

Viele Betroffene wünschen sich, dass sie auf ihre Probleme, die sich durch die Essstörung zeigen, angesprochen werden. Weil hinter der Essstörung könnte ein Hilferuf stehen. Eltern und Freunde sollten immer bei den eigenen Beobachtungen bleiben und ihr Hilfe anbieten. Es bringt nichts, das Essen zu thematisieren, oder sich auf eine Auseinandersetzung über Essverhalten, Figur oder Gewicht einzulassen, dies kann die Dynamik die hinter einer Essstörung steht sogar fördern. Hilfreich ist es, wenn die Frau, die an einer Essstörung erkrankt ist, das Gefühl hat, dass ihre Angehörigen / Freunde jederzeit für sie da sind. Schritte in Richtung eine Therapie können erleichtert werden, gehen muss die Betroffene sie jedoch selbstständig. (vgl. Seyfahrt, 2000)

„Wie du Freundinnen und Freunden hilfst, die ein Problem mit dem Essen haben“

Therapie

Eine Behandlung kann nur erfolgreich sein, wenn die Betroffene diese wirklich für sich selbst will. (vgl. Seyfahrt, 2000)
Essstörungen sind sehr individuell zu behandeln, da jede Betroffene ihre eigene Geschichte, Gefühle, Probleme mitbringt. Viele Frauen erleben, dass es mehrere Anläufe braucht, bis man die „richtige“ Therapie für sich findet, bzw. eine Fachfrau oder auch Fachmann, mit dessen Unterstützung sie die Essstörung bewältigen und schrittweise auch an den Ursachen arbeiten können. Die besten Therapieerfolge erzielen betroffene Frauen, wenn sie sowohl eine Psychotherapie (oder längerfristige psychologische Begleitung) als auch eine medizinische Betreuung haben (diese kann stationär oder ambulant erfolgen). Andere Maßnahmen wie Selbsthilfegruppe, Homöopathie, Körperarbeit, Entspannungstechniken können eine sehr wertvolle und sinnvolle Ergänzung bei der Behandlung sein.
Auch wenn es manchmal mühsam sein kann, es braucht Zeit, bis man die Psychotherapie findet, die einem am besten weiterhilft.

Wichtig ist es, schon beim Erstgespräch sehr auf die eigenen Gefühle zu achten: Fühle ich mich angenommen, gut aufgehoben, ernst genommen? Aber ebenso wichtig ist es, mit einer TherapeutIn und einer Ärztin oder Arzt zusammenzuarbeiten, die / der wirklich Erfahrung mit der Therapie von Essstörungen hat.

Wo finde ich Hilfe in Kärnten?

Wegweiser zu Anlaufstellen in Kärnten im Bereich Essstörungen als Download: hier

Wo finde ich Hilfe österreichweit?

Essstörungshotline (kostenlos und anonym): 0800 20 11 20
http://www.essstoerungshotline.at/
Zugriff am 25. 06. 2012

Linktipps zum Thema:

Österreichische Gesellschaft für Essstörungen: http://www.oeges.or.at/
Zugriff am 25. 06. 2012

Netzwerk Essstörungen: http://www.netzwerk-essstoerungen.at/
Zugriff am 25. 06. 2012

Institut Suchtprävention Pro Mente OÖ:
http://www.praevention.at/

Zugriff am 25. 06. 2012

Frauengesundheitszentrum, Graz:
http://www.fgz.co.at/Essprobleme.300.0.html
Zugriff am 25. 06. 2012

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
http://www.bzga-essstoerungen.de/
Zugriff am 25. 06. 2012

Buch-Tipps:

Frauengesundheitszentrum Kärnten (2010) Handbuch Essstörungen: Hilfe für Angehörige, LehrerInnen und pädagogische Fachkräfte. Villach.
Zu bestellen unter: Bestellformular

Beate Guldenschuh (2001) Wege aus der Essstörung: 56 Frauen berichten. Studien Verlag, Wien

Britta Pitzek (2006) Sexueller Missbrauch und Essstörungen – Hintergründe und Zusammenhänge. VDM Verlag, Saarbrücken

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2004) Essstörungen…was ist das? Köln

Kathrin Seyfahrt (2000) SuperSchlank!? Zwischen Traumfigur und Essstörungen. Kösel Verlag, München

Kathrin Beyer (2008) Ich hab´s satt! Wenn Essen zum Problem wird – Essstörungen erkennen, verstehen und überwinden. Humbold Verlag, Hannover

Rachel Bryant-Waugh (2008) Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen – Rat und Hilfe für Eltern. Huber Verlag, Bern

Young+Direct, INFES (2003) Lollipop. La Bodoniana, Bozen

Quellenangaben:

Frauengesundheitszentrum Kärnten (2010) Handbuch Essstörungen: Hilfe für Angehörige, LehrerInnen und pädagogische Fachkräfte. Villach.

Bundesministerium für Gesundheit (2010) Österreichischer Frauengesundheitsbericht 2010/2011, Kurzfassung. Linz. S 90

Give- Servicestelle für Gesundheitsbildung (2010) Prävention von Essstörungen. Wien

Gschwandner F., Lagemann A., Seyer S. (2002) Suchtprävention in der Schule. Wien

Harland S., Siegel W. (1996) Essstörungen. Midena Verlag, Küttingen/Aarau

Lindblad R., Lindberg., Hjern A.(2006). Anorexia Nervosa in Young Men. International Journal of Eating Disorders 39:8

Seyfahrt K. (2000) SuperSchlank? Zwischen Traumfigur und Essstörungen. Kösel-Verlag, München

Seyfahrt K. (2003I Der Traum von der jungen Figur. Ess-Störungen in der Lebensmitte. München.

Web4Health (2011) Was ist das ICD 10 bzw. DSM-IV, http://web4health.info/de/answers/psy-icddsm-what.htm (Zugriff am 25. Juni 2012)

De Zwaan, M., Wimmer- Puchinger, B., Baldaszti, E., (2000): Wie groß ist das Problem in Wien? Erhebung bei Wiener SchülerInnen. Wien

Bildquellen:
Essstörungen © XtravaganT – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/36841991)
Magersucht © rico287 – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/36344067)
Bulimie © Grischa Georgiew – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/30806768)
Esssucht © ehrenberg-bilder – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/38265446)
Waage (unter Informationen) © Martinan – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/22497165_S)

Autorin: Mag.a (FH) Katharina Till, Gesundheits- und Pflegemanagerin, Veranstaltungskoordinatorin im Frauengesundheitszentrum Kärnten