Die weibliche Brust

von Stolz und Lust – von Angst und Frust

„Mit stolzgeschwellter Brust“, „sich brüsten“, welche Kraft und welcher Stolz in den Brüsten einer Frau stecken kann, zeigen bereits Redewendungen dieser Art. Kein anderes Organ gibt es, das Frauen so bewusst in seiner Entwicklung und im gesamten Verlauf des Lebens beobachten, erleben und spüren können.

 Die weibliche Brust gilt ursprünglich als ein Symbol für Liebe, Sinnlichkeit, Lust, Fülle, Trost und Wärme, für das Nähren des Lebens. Doch oft wandelt sich dieses Sinnbild für Weiblichkeit für Frauen zunehmend in Richtung Krankheit, Angst, Unvollkommenheit und sogar tödliche Feindin. Oftmals scheinen Brüste in unserer Gesellschaft zudem auf Lustobjekte des Mannes reduziert zu werden. Um Frauen wieder einen vermehrt positiven Zugang zu diesem so bedeutenden Organ zu ermöglichen, bedarf es einer neu entdeckten wertschätzenden Betrachtungsweise und Wahrnehmung. Damit Frau auch zukünftig mit stolz geschwellter Brust freudig und selbstbewusst durchs Leben schreiten kann …

Entwicklung

Schon der Zeitpunkt ihrer Entwicklung macht die Brust zu einem besonderen Organ. Die weibliche Brust hat sich einen recht späten Zeitpunkt für ihr Wachstum – die Pubertät – ausgesucht, an dem bereits ein bewusstes Erleben dieses Vorgangs möglich ist. Häufig wird die Wahrnehmung dieser für Mädchen so wichtigen Entwicklung aber verdrängt oder eher als peinlich und angstbesetzt erlebt anstatt mit Freude und Stolz den Prozess „vom Mädchen zur Frau zu werden“ zu bestaunen. Oft liegt das an fehlender Aufklärung und positiver Aufmerksamkeit für diese Entwicklungsschritte im sozialen Umfeld. Zeitgleich mit der körperlichen Entwicklung setzt aber auch eine seelische Veränderung ein: Mädchen müssen ihre Brüste erst in ihr bisheriges Körperbild integrieren, sodass ein „neues“ Körpergefühl entwickelt werden kann. Ein bewusstes Erleben könnte es Mädchen und Frauen ermöglichen, ein besseres Bewusstsein für sich selbst, für ihr Körperbild, ihre Körperwahrnehmungen und ihre Funktionen und Fähigkeiten zu entwickeln und damit mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen.

Anatomie und Fähigkeiten

Anatomie der weiblichen Brust

Jedes Mädchen, jede Frau ist einzigartig und so ist auch die weibliche Brust ein besonderes „Einzelstück“. Zudem sind die beiden Körperhälften eines Menschen nie komplett symmetrisch, demnach sind Form und Größe dieses Organs nicht nur von Frau zu Frau, sondern auch von Brust zu Brust unterschiedlich.. Die weibliche Brust besteht aus milchproduzierenden Drüsen mit einem umgebenden Fett- und Bindegewebe sowie verschiedenen Nerven und Gefäßen, der Brustwarze und dem Warzenvorhof. Das gesamte System der Milchdrüsen mit seinen vielen kleinen Verästelungen kann man sich in der Brust ähnlich wie ein Bündel Trauben vorstellen.

Betrachten wir die rein biologischen Hauptfunktionen der weiblichen Brust, bestehen diese aus der Produktion von Muttermilch und dem Nähren von Säuglingen. Das Stillen stellt dabei für viele Mütter eine sehr intensive Erfahrung dar. Es fördert eine enge Mutter-Kind-Beziehung und kann durch die Ausschüttung von Endorphinen in den weiblichen Körper zu einem besonderen Glücksgefühl führen. Ein anderes Hormon, das Oxytocin, ist auch dafür zuständig, dass sich die Gebärmutter durch Kontraktionen wieder in ihre ursprüngliche Form zurückbilden kann. Die Muttermilch, die die weibliche Brust imstande ist zu erzeugen, ist außerdem ein wahres Wundermittel für Säuglinge: sie enthält nicht nur eine für das Baby optimale Nährstoffzusammensetzung sondern auch Antikörper und Immunzellen des mütterlichen Immunsystems, was das Infektionsrisiko erheblich senkt und somit das Kind vor vielen Krankheiten schützen kann. Aber Stillen bringt neben den Glücksgefühlen auch weitere gesundheitliche Vorteile für die Mutter mit sich: eine Studie des Journal of Clinical Nursing hat beispielweise bewiesen, dass Frauen durch Stillen ein deutlich reduziertes Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken.

Weibliche Brüste können aber viel mehr: sie sind überaus empfindlich und nehmen somit viele Reize aus ihrer Umwelt wahr. So reagieren sie zum Beispiel auf Temperaturschwankungen, in dem sich die Brustwarzen zusammenziehen und aufrichten. Dasselbe kann zudem bei sexueller Erregung passieren, was auf eine weitere besondere, aber oft viel zu wenig beachtete Fähigkeit der weiblichen Brust hinweist: nämlich jene, als ein weibliches Lustorgan körperliche Erregung zu steigern!

Brust und Lust

Betrachten wir die häufige Reduktion der weiblichen Brust entweder als männliches Lustobjekt oder als Nahrungsspenderin für Säuglinge, kann bei Frauen schonmal das Gefühl entstehen, ihre Brust sei vorwiegend eher „für andere“ da. Was aber ist mit ihrer eigenen Lust? Die Brust als erogene Zone der Frau kann ein wesentlicher Bestandteil ihrer Sexualität sein. Es besteht auch eine bei manchen Frauen mehr, bei manchen weniger stark ausgeprägte Reizleitung zwischen den Brüsten und der Vulva und Vagina (kurz Vulvina genannt). Viele Frauen verspüren also bei einer Erregung der Brustwarzen auch gleichzeitig eine Erregung in den weiblichen Geschlechtsorganen wie der Klitoris, den Schwellkörpern unter den Venuslippen und der Vagina und umgekehrt steigt bei manchen Frauen auch die Sensibilität der Brust durch die Erregung des Intimbereichs. Die Brüste werden während der Erregungsphase oft voller und stärker durchblutet, die Brustwarzen können sich dabei aufrichten und auch die Vorhöfe anschwellen. Natürlich ist die Empfindlichkeit der Brüste für das sexuelle Lustempfinden von Frau zu Frau verschieden – es gibt Frauen, deren Brüste in ihrer Sexualität eine sehr große Rolle spielen und andere wiederum finden eine Stimulation der Brust uninteressant. Diese Vorlieben wechseln auch durchaus von Zeit zu Zeit, was wiederum von Frau zu Frau unterschiedlich und lebensphasenabhängig sein kann.

Manche Frauen fühlen sich aber aus unterschiedlichen Gründen mit ihren Brüsten nicht wohl und können gerade deshalb diese Lustfähigkeit nicht voll ausschöpfen. Sie werden entweder als zu groß, zu klein, zu voll, zu flach, zu spitz, zu hängend, zu unsymmetrisch empfunden – so manche Frau mag ihren Busen nicht so wie er ist. Die Ursache dieser Empfindungen findet sich nicht selten in den durch Medien penetrant vermittelten sogenannten „Schönheitsidealen“ unserer Gesellschaft, welche Frauen zunehmend in ihrer Einzigartigkeit und ihrem Selbstwert verunsichern und zu unnötigen und gefährlichen plastischen Eingriffen führen können. Durch die scheinbar „perfekten“ Frauenkörper, die uns alltäglich von den Medien vor die Nase gehalten werden, setzen sich viele Frauen enorm unter Druck, um diesen Bildern selbst gerecht zu werden. Dass die meisten Bilder von superschlanken Models mit großen, vollen Brüsten aber nur „von Computerhand“ stammen, daran denken leider noch immer zu wenige Frauen und Männer. Nur wenn Frauen sich selbst, ihren Körper – und damit auch ihre Brüste – annehmen wie er ist, können die vollen Potenziale und Fähigkeiten dieser wunderbar weiblichen Organe ausgeschöpft und genossen werden. Um das eigene Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu stärken und sich und seinen Körper besser kennenzulernen und bewusster wahrzunehmen, helfen oft schon einfache Übungen. Wie wäre es beispielsweise mit folgender „Körperreise“?

Bringen Sie Ihren Körper in eine liegende oder sitzende Position, schließen Sie Ihre Augen und beginnen Sie sich zu entspannen. Beginnen Sie Ihre Atmung bewusst wahrzunehmen, atmen Sie tief ein und beobachten Sie, wie sich wie von selbst die Bauchdecke im Atemfluss hebt und wieder senkt. Gönnen Sie sich die Zeit, Ihren gesamten Körper bewusst wahrzunehmen. Beginnen Sie nun mit der Reise durch Ihren Körper und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit zu Ihren Füßen. Spüren Sie hinein und nehmen Sie wahr, wie sich Ihre Zehen anfühlen, vielleicht können Sie Wärme oder Kälte feststellen, vielleicht ein Kribbeln, ein Ziehen, Schwere oder Leichtigkeit? Atmen Sie bewusst ein und aus und spüren Sie hinein in Ihren Körper. Vielleicht nehmen Sie auch keine konkrete Empfindung in Ihren Füßen wahr, auch das ist vollkommen in Ordnung. Nun beginnen Sie Ihre Reise über die Füße rauf zu den Knöcheln, weiter über die Waden zu den Knien fortzusetzen, begleitet von tiefen und entspannten Atemzügen und der bewussten Wahrnehmung der einzelnen Körperregionen. Nehmen Sie sich die Zeit in die unterschiedlichen Empfindungen hineinzuhorchen und in die einzelnen Körperteile hinein zu atmen. Wenn Sie mit Ihren Gedanken beginnen abzuschweifen, holen Sie Ihre Aufmerksamkeit mit der bewussten Wahrnehmung der Atmung wieder behutsam zurück in die Körperreise. Tasten Sie sich innerlich auf diese Art und Weise über die Beine hinauf zum Becken, weiter zum Bauch und von dort zu den Brüsten. Verweilen Sie an dieser besonderen Körperstelle und schenken Sie ihren Brüsten eine Zeit der Aufmerksamkeit, der Wertschätzung, der Dankbarkeit dafür, dass sie da sind. Gönnen Sie sich ein paar tiefe Atemzüge und spüren Sie in ihre Brüste hinein, um achtsam ihren Empfindungen zu lauschen. Wenn Sie ihren Brüsten nun genügend/genug Aufmerksamkeit geschenkt haben, wandern sie weiter zu Ihrem Rücken, von dort zu den Schultern, in Ihre Arme bis hin zu den Fingern. Lassen Sie sich dabei Zeit, atmen Sie ruhig weiter und nehmen Sie jede Regung und Empfindung bewusst wahr. Tasten Sie sich nun langsam über Ihren Nacken hinauf bis zu ihrem Kopf, über das Gesicht bis hin zum Scheitel. Gönnen Sie sich am Ende der Reise durch Ihren Körper noch ein paar tiefe Atemzüge und öffnen Sie langsam Ihre Augen, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen.

Körperreisen dieser Art können Ihnen eine gute Möglichkeit bieten, die Einzigartigkeit und die Fähigkeiten Ihrer Brüste besser wahrzunehmen und so mehr Dankbarkeit, Würdigung und Wertschätzung Ihren Brüsten gegenüber zu entwickeln. Werden Sie also Ihre eigene „Busenfreundin“ und achten Sie liebevoll auf die Gesundheit und das Wohlbefinden Ihrer Brüste, wie Sie um das Wohlergehen einer lieben Freundin besorgt wären.

Brustgesundheit fördern

In gutem Kontakt zur eigenen Brust zu stehen, etwaige ungewöhnliche Veränderungen wahrzunehmen und auch eine informierte und selbstbestimmte Entscheidung im Bezug auf die Früherkennungsmöglichkeiten diverser Erkrankungen zu treffen, fördern die Brustgesundheit. Seit Jänner 2014 gibt es in Österreich ein qualitätsgesichertes Screening-Programm zur Brustkrebs-Früherkennung im Zuge von regelmäßigen Röntgenuntersuchungen der Brust (Mammographie). In den untenstehenden Linktipps finden Frauen weitere Informationen dazu.

Zusätzlich können sich auch eine gesunde und ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und Stillen positiv auf die Gesundheit der Brust auswirken. Vermeiden Sie hingegen ihrer Brust zu Liebe unnötige Hormoneinnahmen, Strahlung, Umweltgifte und generell ungesunde Lebensweisen und bleiben Sie gut in Kontakt mit den Signalen, die Ihr Körper Ihnen sendet.

Besonders gut schützen kann Frau jedoch das, was sie auch besonders schätzen kann. Die Wertschätzung dieses Organs geht also partnerschaftlich Hand in Hand mit der Bereitschaft, für die Gesundheit der Brüste auch Sorge zu tragen. Ein Grund mehr für Frau, freudig und mit „stolzgeschwellter Brust“ durchs Leben zu gehen.

Buch- und Linktipps:

Brüste – Das Buch, Paula Lambert & Helmut Ziegler, Rogner & Bernhard Verlag, Berlin, 2012

brustBILDER – Vom Schönheitsideal zur Realfrau, Sabine Voigt (Hrsg.), Edition Ebersbach, Berlin, 2000

Brüste kriegen, Sarah Diehl (Hrsg.), Verbrecher Verlag, Berlin, 2006

Das Mädchen-Fragebuch – Wachsen und erwachsen werden, Sylvia Schneider, Verlag Carl Ueberreuter, Wien, 2004

Artikel „Brustgesundheit“
http://www.frauengesundheitszentrum-isis.at/index.php/frauenthemen/brustgesundheit

Artikel „Stillen: mehr als körpereigene Milchbar“
http://www.netzwerk-frauengesundheit.com/stillen-mehr-als-koerpereigene-milchbar/

Online-Spiel „Ganz schön krank“
http://www.fgz-kaernten.at/fgz_spiel/start_fgzspiel.html

Website des Österreichischen Brustkrebsfrüherkennungsprogramms „früh erkennen“
http://www.frueh-erkennen.at/

Artikel „Brustkrebs-Vorsorge: Lebensretter oder Risiko?“
http://www.medizin-transparent.at/brustkrebs-vorsorge-lebensretter-oder-risiko

Brustkrebs Früherkennung Informationen zum Mammografie Screening, Eine Entscheidungshilfe, Frauengesundheitszentrum, Graz, Jänner 2006
http://www.gesundheit.steiermark.at/cms/dokumente/11683201_72561315/cf6ca7b9/Brustkrebs%20Fr%C3%BCherkennung%20Brosch%C3%BCre%20%28Stmk%20Dez%202005%29.pdf

„Plötzlich ist das Leben anders“ – Eine sozialwissenschaftliche Studie zu frauengerechter Gesundheitsversorgung am Beispiel des Brustkrebs, Birgit Buchinger, Frauengesundheitszentrum Kärnten, Salzburg, Villach, 2002

Quellenangaben:

Brüste – Das Buch, Paula Lambert & Helmut Ziegler, Rogner & Bernhard Verlag, Berlin, 2012

Das Brustbuch – Was Frauen wissen wollen, Dr. Susan M. Love & Karen Lindsey, dtv Verlag, München, 1997

Frauenkörper neu gesehen – Ein illustriertes Handbuch, Laura Méritt, Orlanda Frauenverlag, Berlin, 2012

clio – die Zeitschrift für Frauengesundheit, Brustgesundheit – Mehr Wissen – Sich Stärken – bewusst handeln, 2015, http://www.ffgz.de/bestellen/clio-zeitschrift/inhaltsverzeichnisse/clio-81.html, Zugriff am 01. Juni 2016.

Artikel „Die weibliche Brust“
http://dgk.de/gesundheit/frauengesundheit/brustkrebs/die-weibliche-brust.html, Zugriff am 24. September 2014

Studie „Breastfeeding and the prevention of breast cancer: a retrospective review of clinical histories.“ Zugriff am 23. März 2015
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23937211

Artikel „Stillen – Gut für Mutter und Kind“
http://www.medizin-netz.de/stillen-gut-fuer-mutter-und-kind/, Zugriff am 23. August 2014

„10 facts on breastfeeding“, WHO, 2014
http://www.who.int/features/factfiles/breastfeeding/en/, Zugriff am 21. November 2014

Körperreise „Body-Scan“
www.achtsamleben.at – Bodyscan
tannercoaching.ch – Body-Scan-Anleitung (.PDF), Zugriff am 26. Dezember 2014

Publikation „Krebsinzidenz und Krebsmortalität in Österreich“, Statistik Austria, 2014, Download von http://www.statistik.at/web_de/services/publikationen/4/index.html?id=4&listid=4&detail=679

Artikel „Brüste als lustvolle Organe oder gesellschaftliche Tabus?“
http://www.fid-gesundheitswissen.de/gynaekologie/brust/brust-das-lustvolle-organ/

Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens, Zugriff 23. März 2015

Bildquellen:
Statue femme © Marylène – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/64796389 )
Die Brust © elvira gerecht – Fotolia.com (http://de.fotolia.com/id/28338666 )

Autorin: Victoria Gönitzer, Studentin des Bachelorstudiengangs Gesundheitsmanagement im Tourismus
Fachliches Lektorat: Mag.a (FH) Christiane Hintermann, Gesundheits- und Pflegemanagerin, Sexualpädagogin