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Lesbische Frauen und Gynäkologie Themenübersicht
Autor: Frauengesundheitszentrum Kärnten | Erstellt: 25.01.2012 | Letzte Änderung: 25.08.2017

Lesbische Frauen und die Gynäkologie

In den letzten Jahren ist auch in Österreich eine zunehmende gesellschaftliche Enttabuisierung homosexueller Lebensweisen zu beobachten. Unterstützend wirkt hier sicherlich auch das Bundesgesetz über eingetragene Partnerschaften, das seit 1. Jänner 2010 in Kraft ist. Dennoch ist es noch lange keine Selbstverständlichkeit, lesbische Lebensformen als ‚normale’ und den heterosexuellen Lebensweisen gleichwertige zu betrachten. Gerade im Gesundheitssystem, etwa bei ÄrztInnnen, beim Pflegepersonal oder bei PsychotherapeutInnen, ist noch immer ein großer Sensibilisierungs- und Aufklärungsbedarf zu orten. So fehlt es hier überwiegend an Wissen über lesbische Lebensformen, über Gesundheitsbedürfnisse und spezifische Krankheitsrisiken lesbischer Frauen. (Österreichischer Frauengesundheitsbericht 2010/2011, 72) Dass eine Patientin ihre Sexualität nicht automatisch mit einem Mann leben muss, ist noch nicht im Bewusstsein von ÄrztInnen angekommen. 



Lesbische Frauen und GynäkologInnen – keine selbstverständliche Begegnung

Für lesbische Frauen können daher Besuche bei GynäkologInnen mit einer Hemmschwelle verbunden sein. Nur in Ausnahmefällen werden lesbische Frauen dezidiert als Patientinnen angesprochen. Daher obliegt es ihnen selbst, sich als lesbisch zu deklarieren, oder es nicht zu tun. Oftmals wird Letzteres beschlossen. Dies unter anderem deshalb, da die Frauen Angst vor den Reaktionen der ÄrztInnen haben: „Das Spektrum kann von Unwissenheit über lesbisches Leben bis hin zu Vorurteilen gegenüber Homosexualität reichen. Noch immer gibt es viele ÄrztInnen, die nicht wissen, wie sie sich gegenüber lesbischen Patientinnen verhalten sollen.“ (Frauengesundheitsbericht Bremen 2001, 27)

Daher werden GynäkologInnen vielfach auch nicht zu Vertrauenspersonen, mit denen über Fragen von Lust und Unlust, über sexuelle Probleme oder auch über Kinderwunsch gesprochen werden kann. Vielmehr bleiben Fragen, die das Sexualleben lesbischer oder bisexueller Frauen betreffen, ausgespart oder auf abstrakter Ebene.

Unterstützend wäre hier, wenn Gynäkologinnen und Gynäkologen beim Erstbesuch aktiv auf die Patientinnen zugehen. Einfache Fragen könnten vertrauensbildend wirken, wie etwa: „Leben Sie Ihre Sexualität mit Frauen und / oder mit Männern? Haben Sie wechselnde GeschlechtspartnerInnen? Verhüten Sie? Warum nicht?“ Diese Fragen sollten gestellt werden. Dadurch würden Normalität und Selbstverständlichkeit vermittelt und die ÄrztInnen könnten darüber hinaus von Beginn an verhindern, unzutreffende Fragen zu stellen.

Junge Frauen und GynäkologInnen – eine heikle Geschichte

Der häufigste Grund, warum junge Frauen GynäkologInnen aufsuchen, ist die Verhütungsfrage. Heterosexuell lebende Frauen haben daher regelmäßiger Kontakt mit GynäkologInnen, etwa um sich die Pille verschreiben zu lassen. Da dies bei Frauen, die ihre Sexualität ausschließlich mit Frauen leben, wegfällt, kommen sie auch nicht zwangsläufig in Kontakt mit GynäkologInnen, und das kann über viele Jahre der Fall sein.

Daher ist es wichtig, gezielt junge frauenliebende Frauen zu ermuntern, zu GynäkologInnen zu gehen. Und seitens der GynäkologInnen ist ein aktiver Beitrag zu fordern, um es speziell jungen Frauen zu erleichtern, Fragen zu stellen, über ihre Gefühle zu sprechen. Gerade in Zeiten des Coming-out ist es wesentlich, Verunsicherungen aufzufangen, Ängste zu relativieren, zu kommunizieren. Und hier könnten GynäkologInnen mit sexualpädagogischer und / oder psychologischer Zusatzqualifikation eine zentrale Rolle spielen. Sie könnten dadurch jenen Vertrauensraum eröffnen, der es auch jungen lesbischen Frauen automatisch ermöglicht, über ihr Sexualleben – und alle damit in Verbindung stehenden Fragen – zu sprechen, sich angenommen zu fühlen, nicht allein gelassen zu werden.


Früherkennungsuntersuchungen: „Lesbians need Pap tests too“ 1

Auch lesbische Frauen können an Gebärmutterhalskrebs, an Gebärmutterkrebs oder an Brustkrebs erkranken. Aus internationalen Studien ist jedoch bekannt, dass Frauen, die Frauen lieben, seltener Früherkennungsuntersuchungen (etwa gynäkologische Untersuchungen, Brustuntersuchungen) in Anspruch nehmen als heterosexuell lebende Frauen. Dies hat verschiedene Gründe: Wie bereits dargelegt, haben lesbische Frauen per se weniger Gründe, GynäkologInnen aufzusuchen. Aufgrund der oftmals sporadischen Besuche bei GynäkologInnen werden sie daher auch nicht automatisch auf die Durchführung der wichtigen Früherkennungsuntersuchungen hingewiesen bzw. dazu eingeladen.

Aber vielen lesbischen Frauen fehlt auch das Bewusstsein, dass sie an diesen Krankheiten erkranken könnten. Hier sollte verstärkt Aufklärungsarbeit betrieben werden, die sich speziell an lesbische Frauen richtet, und dies entlang der unterschiedlichen Lebensphasen. 

1  Dies ist der Titel eines Folders des Anti-Cancer-Councils in Victoria, Australien. Dieser Folder wurde veröffentlicht, nachdem erhoben worden ist, dass lesbische Frauen signifikant weniger am Screening für Gebärmutterhalskrebs teilnehmen. (Folder downloadbar unter http://www.papscreen.org.au/downloads/resources/brochures/Lesbians_need_Pap
_tests_too.pdf
)


Sexuell übertragbare Krankheiten – auch ein Thema für lesbische Frauen

In Bezug auf lesbische Frauen und sexuell übertragbare Krankheiten fehlt es vielfach an medizinisch gesichertem Wissen, dies vor allem, da es international kaum Studien zu lesbischen Frauen und ihrem Sexualleben gibt. Es wird davon ausgegangen, dass bei lesbischen Frauen die Ansteckungsgefahr bei sexuell übertragbaren Krankheiten geringer ist. Jedoch: Vor allem bei Oralverkehr während der Menstruation oder bei der Verwendung von Sexspielzeugen ist eine Ansteckung von Frau zu Frau möglich. (Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen 2004, 7)

Kinderwunsch – und seine Erfüllung?

In Zusammenhang mit der biologioschen und sozialen Reproduktion ist hervorzuheben, dass verpartnerte lesbische Frauen - und auch schwule Männer - in Österreich einer besonderen Diskriminierung ausgesetzt sind. Das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft verbietet etwa eingetragenen PartnerInnen die Adoption: Dies betrifft sowohl die gemeinsame Adoption eines Kindes (Fremdkindadoption) als auch die Adoption des Kindes des Partners/der Partnerin (Stiefkindadoption)2. Darüber hinaus ist eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung ebenfalls verboten.

2  Quelle: http://www.partnerschaftsgesetz.at/page_attachments/0000/1020/ep_broschuere_web.pdf
3 Siehe hierzu Artikel 4, § 2 Abs. 1 „(1) Eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung ist nur in einer Ehe oder Lebensgemeinschaft von Personen verschiedenen Geschlechts zulässig.“ (Quelle:
http://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2009_I_135/BGBLA_2009_I
_135.pdf
)


Quellen

Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (Hrsg.) (2010), Gesundheit von lesbischen und bisexuellen Frauen, Informationen für lesbische und bisexuelle Frauen, medizinisch Tätige, Ärzt/inn/en, Therapeut/inn/en, Interessierte, Folder, erstellt von der Fachgruppe Lesbengesundheit im AKF e.V., Helga Seyler,
Dr. Gabriele Dennert, verantwortlich: Dr. Maria Beckermann (als download verfügbar unter: http://www.akf-info.de/portal/2013/07/05/fachgruppe-gesundheit-lesbischer-und-bisexueller-frauen/)

Frauengesundheitsbericht Bremen 2001(2001), hrsg. vom Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales, Abteilung Gesundheitswesen, Referat Gesundheitsberichterstattung, Bremen

Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2004): Mit Vielfalt umgehen. Sexuelle Orientierung und Diversity in Erziehung und Beratung, Kap. 4: Gesundheit und psychosoziale Probleme, Düsseldorf.

Österreichischer Frauengesundheitsbericht 2010/2011 (2011), Kurzfassung, hrsg. vom Bundesministerium für Gesundheit , Wien

Solarz, Andrea L. (Ed.) (1999), Lesbian Health, Current Assessment and Directions for the Future, Washington D.C (als download verfügbar unter http://www.nap.edu/openbook.php?isbn=0309060931)

Links Kärnten

http://www.femmegoesqueer.at/wir.html femme goes queer ist eine Plattform von Frauen f+ür Frauen in Klagenfurt

http://www.hiv.at/ Aidshilfe Kärnten

Weitere interessante Links

http://www.villa.at/lilatip/modules/news/ Der LILA TIP - Die LESBENBERATUNG

https://www.wien.gv.at/kontakte/wast/ Wiener Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen:

http://www.fgz.co.at/Lesbische-Frauen-und-Gesundheit.414.0.html Frauengesundheitszentrum Graz
http://www.homed.at/ Homosexuelle im Gesundheitswesen

www.courage-beratung.at COURAGE - PartnerInnen, Familien- und Sexualberatungsstelle mit den Schwerpunkten gleichgeschlechtliche und transGender Lebensweisen, Beziehungen/Sexualit”t und Gewalt und sexuelle Übergriffe

http://www.hosi.at/ Webseite der Homosexuellen Initiative

http://www.rainbow.at/ Österreichs größte schwul/lesbische Internetseite

http://www.pride.at/ Das lesbisch/schwule Bundesländermagazin

http://www.lesbengesundheit.de/ Die Seite für Lesbengesundheit in Deutschland

mögliche Buchtipps:

FreiSchwimmerin: Lust und Grau(s)zonen lesbischer Sexualität
Gita Tost, Ulrike Helmer Verlag, 1999

Wir lieben wen wir wollen - Selbsthilfe für lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche, Ellen Bass, Kate Kaufmann, Orlanda Frauenverlag GmbH, 1999

Verwandlungen - Lesben und die Wechseljahre, Ulrike Janz, Krug & Schadenberg, 2006

Bildquelle
© Rikke - Fotolia.com, (http://de.fotolia.com/id/13077740)

 


Autorin: Dr.in Birgit Buchinger, Sozialwissenschafterin und Organisationsentwicklerin




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